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Geliebt, gehasst,geplagt,genervt

        aus dem Leben eines
             Familienvaters


 

Copyright © 2018 Udo Wolff Alle Rechte vorbehalten.  Covergestaltung und Artwork: Coverabbildung:  Lektorat: Mariana Friedrich  www.udowolff.eu   Prolog  Blablabla … Kennen Sie das? Wenn sterbenslangweiliges Gelaber in Blabla übergeht? Es gibt nur wenige Menschen, denen ich zuhören kann. Meiner Frau zum Beispiel. Ihr höre ich gerne zu. Nicht lange, aber gerne.  Ich sitze in einem klimatisierten Raum. Die Fenster sind verschlossen. Wenn ich eines hasse, dann sind das geschlossene Fenster, die sich nicht öffnen lassen. Ich benötige dieses Gefühl von frischer Luft, die durch den Raum weht. Etwas über 50 Minuten hocke ich mittlerweile hier. Mir wird ein wenig übel. Kein Wunder, die Luft ist verbraucht. Mundgeruch gemischt mit einem Hauch Schweiß, diese Beschreibung trifft es. Wir, das bin ich und 12 andere, die im Halbkreis um ein Pult versammelt sind. Es ist meine erste Gruppensitzung. Keine Sorge, ich bin nicht verrückt. Hier sitzen Menschen mit Problemen. Mein Sitznachbar, der Torben, l

 

 

Copyright © 2022 Udo Wolff
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Covergestaltung und Artwork: Udo Wolff

Coverabbildung: Udo Wolff

 

 

 

 

LESEPROBE

 

Blablabla … Kennen Sie das? Wenn sterbenslangweiliges Gelaber in Blabla übergeht? Es gibt nur wenige Menschen, denen ich zuhören kann. Meiner Frau zum Beispiel. Ihr höre ich gerne zu. Nicht lange, aber gerne.

 

Ich sitze in einem klimatisierten Raum. Die Fenster sind verschlossen. Wenn ich eines hasse, dann sind das geschlossene Fenster, die sich nicht öffnen lassen. Ich benötige dieses Gefühl von frischer Luft, die durch den Raum weht. Etwas über 50 Minuten hocke ich mittlerweile hier. Mir wird ein wenig übel. Kein Wunder, die Luft ist verbraucht. Mundgeruch gemischt mit einem Hauch Schweiß, diese Beschreibung trifft es. Wir, das bin ich und 12 andere, die im Halbkreis um ein Pult versammelt sind. Es ist meine erste Gruppensitzung. Keine Sorge, ich bin nicht verrückt. Hier sitzen Menschen mit Problemen. Mein Sitznachbar, der Torben, leidet unter Putzsucht. Aufgekratzt erzählte er von seiner Störung. Torbens Worte wandelten sich in langweiliges Blablabla.

 

Das Summen einer Fliege hatte mittlerweile meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Mein Blick wandert durch den Raum. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich schnell ablenken lassen. Ich muss aber auch nicht jedem zuhören. Jetzt weiß ich, wie es meinen Töchtern geht, wenn ich mit ihnen rede.

 

Da ist sie. Es ist eine von diesen fetten, ekligen Fliegen. Flink fliegt sie vom übervollen Mülleimer zum Gebäck und landet auf einer Sahnetorte, die ihr Verfallsdatum in meinen Augen schon überschritten hat. Während die Fliege so über die Torte wandert, schleckt sie mal hier und mal dort. Endlich satt, surrt sie in Richtung der Toiletten am Ende des Flures davon. Vorbei die willkommene Ablenkung, jetzt muss ich Torben wieder meine Ohren und Augen schenken. Hätten meine Kinder nur so einen Putzfimmel wie er.

 

Doch zu früh geärgert da ist das vertraute Surren wieder. Nachdem sich das Flugtier erneut über das Gebäck hergemacht hat, fliegt es schnurstracks auf die Fenster zu, um mit voller Wucht gegen die Glasscheibe zu donnern. Die Fliege taumelt zu Boden. Das ist meine Chance. Ich springe auf. Nach fünf raumgreifenden Schritten stehe ich über ihr. Da liegt sie, auf ihrem Rücken, und dreht sich auf der Stelle. Ich hebe meinen Fuß, ein kurzes Schmatzen und … ein Aufschrei. „Was bist du doch für ein gefühlloses Wesen! Wie ist es für dich, Leben auszulöschen, Clark?“ Frau Dr. Karin Maier-Schulz hatte sich mit dieser Frage auf den Lippen vor mir aufgebaut. Im Raum herrscht augenblicklich Stille. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Seinen gerade noch erhobenen Daumen lässt Torben rasch sinken. „Hallo? Das war eine Fliege“, antworte ich. In meiner Hosentasche fische ich nach einem Papiertaschentuch, um dieses fette Vieh von meiner Sohle zu kratzen.

 

„Clark ist heute zum ersten Mal hier. Möchtest du dich vorstellen, bitte“. Das ‚Bitte‘ ist mahnend und auffordernd zugleich. Ich habe eh keine Wahl, und in zehn Minuten ist zum Glück Schluss. Also stiefle ich nach vorn.

 

„Hallo. Mein Name ist Clark Klain“.

„Hallo Clark“, erwidert die Gruppe meine Begrüßung im Chor.

 

Ich kannte so einen Scheiß nur aus Filmen und Serien. Nun bin ich Teil einer Therapiegruppe.

 

„Erzähle uns, warum du hier bist, Clark“.

„Ich bin seit 25 Jahren verheiratet und Vater von drei Töchtern im Alter von 13, 15 und 17 Jahren. Reicht das?“

 

Ein leises Raunen huscht durch die Reihen. Von „Der Ärmste“ bis hin zu „Selbst Schuld“ ist alles zu hören.

 

„Wo fange ich am besten an? Meine Töchter zum Beispiel, die haben so eine Phase, die mittlerweile schon 13 bis 17 Jahre andauert.“

 

Alle lachen.

 

„Die haben keinen Bock auf Sport, laufen, schwimmen, Rad fahren … Alles bäh.“

 

Die lachen schon wieder.

 

„Wir haben zu Hause einen 50 Meter langen Garten. 50 Meter lang! Das Ende unseres Gartens kennen meine Töchter nur aus Erzählungen.“

 

Schon wieder lachen alle. So ergeht es mir immer. Ich ärgere mich und alle lachen.

 

„Was ist mit deinen Eltern, Clark?“, ruft jemand aus der Gruppe.

„Meine Eltern sind eigenartig, schräge Menschen. Ich habe vier Brüder und fünf Schwestern. Wäre mein Vater ein Superheld, würde ihn jeder mit Pimper Man anreden.“

 

Ich und zwei offensichtliche Marvel-Fans lachen.

 

„Stört es dich, dass dein Vater so potent ist?“, will meine Therapeutin wissen.

„Nein. Nur das meine Eltern zu dumm waren, um zu verhüten. Ich habe meine Mutter in den ersten Jahren meines Lebens nur mit dickem Bauch gesehen. Dann die Namen! Sie gab uns allen Rollennamen aus Filmen und Serien oder gar von den Schauspielern selbst. Mein jüngster Bruder ist jetzt dreißig und hört auf den Namen Joan Collins!“

„Dann bist du Clark Kent, der Supermann, der du nie sein konntest?“, will Torben wissen.

„Nein, meinen Namen verdanke ich William Clark, der in den Jahren 1804 bis 1806 die erste amerikanische Expedition zur Pazifikküste leitete.“

 

Unter uns: Das ist meine Version der Geschichte. In Wirklichkeit meinte meine Mutter natürlich Supermann in Zivil. Aber das brauchen die hier nicht zu wissen.

 

„Woow, du bist ein Abenteurer und Draufgänger“, staunt Dieter. Dieter ist 24 Jahre jung und fett. Viel zu fett. Er ist ein Fettsack. Er hat eine Glatze und einen dümmlichen Gesichtsausdruck. Mit Sicherheit hat er sich die Haare vom Kopf gefressen. Dafür kann er nichts. Für seine fehlenden Haare ist er genauso wenig verantwortlich wie für seine Körpergröße. Aber für sein Gewicht. Ich meine: 115 Kilogramm (Ich habe ihn gefragt!) auf 151 Zentimetern. Das ist fett. Und Dieter hat Nomophobie.

 

Als nomophob bezeichnet man Menschen, die Angst haben, ohne Smartphone unerreichbar für soziale und geschäftliche Kontakte zu sein. Ich würde mal sagen: Das ist verrückt. Ich meine, wer ruft diesen Klops schon an? Seine Mama? Oder die Pizzeria? Okay, auch dicke Menschen haben Freunde. Mir waren dicke Menschen lange Zeit egal. Hier und da sah man mal einen. Heute schwitzt an jeder Ecke einer. Nun mag der eine oder andere die Augen verdrehen. Wie kann er nur so denken? Aber hey, ich bin in Therapie und wäre auch um schweineschwartenbreite auf die Fettebahn geschlittert. Sind wir mal ehrlich: Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich jeder fragt: Wo geht die Reise hin? Die einen erkennen das Problem, die anderen versuchen, es zu ignorieren. Was aber nur schwer möglich ist. Denn wenn jemandem beim Schuhe zubinden der Schweiß von der Stirn heruntertropft und das, ohne dass derjenige vorher gelaufen ist, stimmt etwas nicht. Da hilft kein Poncho, das Zupfen am Shirt, auch nicht.

 

Ein ehrlicher Blick in den Spiegel bringt Klarheit. Die meisten Freunde und Bekannte sagen ja nichts, aus Angst, jemanden zu verletzten. Ich bin da ganz anders. Warum auch lügen? Das schadet dem Betroffenen viel mehr! Ein Beispiel: Wir meine Frau und ich kochen in regelmäßigen Abständen mit drei befreundeten Pärchen. Jedes Paar steuert etwas bei, die Vorspeise, Getränke oder den Nachtisch. In diesem Fall sind Horst und Tamara die Gastgeber. Sie kochen das Hauptgericht. Die beiden sind etwas über sechs Monaten zusammen und schwer verliebt. Horst hat vor drei Wochen seine vierte Scheidung hinter sich gebracht. Im Moment wohnen beide im Haus seiner Eltern. Im Keller! Er nennt es Souterrain. Im zarten Alter von 57 Jahren zog es ihn also wieder nach Hause. Zu Mama und Papa. Wie süß.

 

Horst verdient gutes Geld. Er leitet als Architekt ein Büro mit 18 Angestellten. Zu seinem Pech kosten vier Ex-Frauen und sieben Kinder eine beachtliche Menge Geld. Tamara ist 27 Jahre jung, Mediengestalterin und seit drei Jahren auf der Suche nach einem Job, der sie erfüllt. Ich mochte sie nicht. Doch dazu später mehr.

 

Die beiden zauberten ein traditionelles Gulasch mit Nudeln. Es duftete himmlisch. Nachdem wir uns über die Vorspeise hergemacht hatten, kam das Hauptgericht. Ein Blick in die Schüssel verriet mir, dass die Nudeln nicht so waren, wie sie sein sollten. Sekunden später gab es die Bestätigung. Sie waren Matsch, lagen wie Glibber im Mund. Und ich hasse matschige Nudeln. Mein Blick wanderte durch die Runde. Alle dachten das Gleiche, doch niemand traute sich, etwas zu sagen. Horst verzog angewidert sein Gesicht, dennoch warf er mir einen flehenden Blick zu, der mir sagen sollte: Bitte halt die Klappe! Der linke Fuß meiner Frau stieß mich an, was bedeutete: Lass es! Ich hätte es auch als Aufforderung verstehen können, als „Sag doch was!“ Alle aßen angespannt. Aus dem Nichts ertönte Tamaras piepsige Stimme: „Na, schmeckt es?“

 

Die Anderen überschlugen sich mit Lob. „Alles bestens!“ „Eine Wucht!“ „Das ist so lecker, es ist ein Gedicht!“ Tamara nahm einen Schluck Wein, während sie mit ihrem Stuhl kippelte. Sie sah mich an: „Und was sagst du zum Essen, Clark?“

 

Was sollte ich sagen? Noch während ich das dachte, blubberte mein Mund schon los. „Das Fleisch ist umwerfend, die Soße der Hammer, die Nudeln sind Matsch.“ Und schon ging es los. Ich erntete von „Du hast nicht das Recht, so etwas zu sagen“ bis „Das gehört sich nicht“ so ziemlich jeden Widerspruch. Ich sprang auf und beugte mich über den Tisch. „Was habt ihr für ein Problem? Sie hat gefragt, ich habe geantwortet! Was bin ich für ein Freund, der es in solch einer Situation mit der Wahrheit nicht so genau nimmt? Und ganz ehrlich: Was sagt das über euch aus, dass ihr euch nicht traut, das zu sagen?“ Ich war echt sauer.

 

Bevor noch jemand etwas erwidern konnte, meldete sich Tamara zu Wort: „Du hast recht, die Nudeln sind nichts. Leider hatte ich keine mehr, sonst hätte ich neue gekocht“. Bäääm. Das hatte gesessen!

 

Bis auf Tamara kennen wir uns alle eine halbe Ewigkeit. Ich sehe es als meine Pflicht und Schuldigkeit, nicht zu lügen. Nun der Abend war gelaufen. Mich plagte dieses Gefühl, wieder mal der Arsch gewesen zu sein. Hätte ich meinen Mund halten sollen? Nein verdammt. Das bin ich nicht. Viele meiner Bekannten und Freunde schätzen diese Eigenschaft an mir, und hätten gerne meinen Mumm, zu sagen, was gesagt werden muss.

 

Frau Dr. Karin Maier-Schulz beendet diese meine erste Gruppensitzung mit einem Pling auf ihrer Triangel. Zeit für ekelhaften Kaffee und den von der Fliege angeknabberten und markierten Kuchen. Ich versuche, so schnell wie möglich rauszukommen. Vor der Tür werde ich von Gabi abgefangen. Sie ist ungemein reizvoll, eine von diesen Frauen, die wissen, dass sie geil aussehen. Während sie mir etwas von sich erzählt, stelle ich mir vor, wie sie mir einen bläst.

 

Hey Leute, ich stelle es mir nur vor! Gedanken und Fantasien sind frei und erlaubt.

 

„Was treibst du sonst so?“, will sie wissen.

„Ich bin im Baugewerbe und habe gleich noch einen wichtigen Termin. Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich muss los. Wir sehen uns nächste Woche“, rufe ich in die Gruppe und spute mich, wegzukommen.

 

Klar habe ich keinen Termin. Ich habe einfach keinen Bock, mit diesen Losern abzuhängen.

 

 

Die Tat unterscheidet das Ziel vom Traum.

 

Sicher fragen Sie sich: Was soll das Ganze? Warum lese ich dieses Buch? Wer zum Teufel ist Clark Klain? Und wie ist es überhaupt dazu gekommen? Nun, das werde ich Ihnen erzählen.